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Christuskirche Landshut, Pfarrerin Dorothea Marien
Predigt zu Matthäus 25, 14-30
--- Es gilt das gesprochene Wort. ---
"Denn es ist wie bei einem Menschen, der verreisen wollte, seine Knechte rief und ihnen seine Güter übergab; dem einen gab er fünf Talente, dem andern zwei, dem dritten eins, einem jeden nach seiner Kraft, und reiste ab. Da ging der, welcher die fünf Talente empfangen, hin und handelte mit ihnen und gewann fünf andere. Desgleichen, der die zwei Talente empfangen, gewann auch zwei andere. Der aber das eine empfangen hatte, ging hin, grub die Erde auf und verbarg das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kommt der Herr dieser Knechte und hält Abrechnung mit ihnen. Da trat der hinzu, der die fünf Talente empfangen, brachte noch fünf andere Talente herzu und sprach: Herr, du hast mir fünf Talente übergeben; siehe, ich habe damit fünf andere gewonnen. Sein Herr spricht zu ihm: Gut, du braver und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über vieles setzen; gehe ein zu deines Herrn Freude! Da trat auch der hinzu, welcher die zwei Talente empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Talente übergeben; siehe, ich habe zwei andere Talente gewonnen. Sein Herr spricht zu ihm: Gut, du braver und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über vieles setzen; gehe ein zu deines Herrn Freude! Da trat auch der hinzu, der das eine Talent empfangen, und sprach: Herr, ich wußte, daß du ein harter Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg dein Talent in der Erde. Siehe, da hast du das Deine! Aber sein Herr antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wußtest du, daß ich ernte, wo ich nicht gesät, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld den Wechslern bringen sollen, so hätte ich bei meinem Kommen das Meine mit Zinsen zurückerhalten. Darum nehmet ihm das Talent weg und gebet es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, damit er Überfluß habe; von dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen werden, was er hat. Und den unnützen Knecht werfet hinaus in die äußerste Finsternis. Dort wird das Heulen und Zähneknirschen sein." (Mt 25, 14-30)
Liebe Gemeinde, das Gleichnis von den verschiedenen Talenten, das Jesus erzählt, gehört zu einer Serie von Gleichnissen Jesu über das Weltgericht. Die Anfrage, die Jesus veranlasst, über das Weltgericht zu sprechen, kommt von den Jüngern: "Wir können noch nicht so leben, wie du es uns sagst." Darauf geht Jesus ein. Er warnt sie durch das Gleichnis der 10 Jungfrauen, dass es ein zu spät gibt, wenn man nicht jetzt im Sinne des Reiches Gottes überlegt und entschieden handelt. Das Gleichnis von den Talenten antwortet auf den Einwand: Ich habe ja zu wenig. Ich bin zu klein. Was kann ich schon tun?
Zu Beginn würde ich Ihnen gerne die Fragen stellen: Was sind Ihre Talente? Was hat Gott Ihnen mitgegeben? Was sind Ihre Gaben? Wir denken darüber einen Augenblick nach. Pause
Im Gleichnis schildert Jesus zunächst die beiden ersten Knechte. Aber ihre Geschichte bildet nur den Hintergrund zur Hauptperson: Dem mutlosen, vergrämten 3. Knecht. Was geht in ihm vor? Was will uns Jesus durch die Schilderung des dritten Knechtes sagen? Was möchte er durch dieses Gleichnis in unserem Leben hinterfragen? Der 3. Knecht scheint der ewige Letzte zu sein. Alle anderen haben immer mehr. ER aber bekommt nur ein Talent. Ist das nicht demütigend, soviel weniger zu bekommen? Die anderen haben 5 oder 4 Talente erhalten. Ist seine Verweigerung, sich für die Vermehrung des Talentes einzusetzen, nicht verständlich? Er geht auf Nummer sicher: Er vergräbt sein Talent, seine Gabe. Dieser Knecht steht in der Spannung zwischen seinen Minderwertigkeitsgefühlen, dass er fast nichts bekommen hat und seiner Angst - seiner Tendenz, alles bomben-sicher zu machen. Der Knecht sagt: "Ich war in meinem Leben - schon von meinen Startbedingungen her -benachteiligt. Aus diesem Grund bin ich heute im Lebenskampf um Erfolg ins Hintertreffen geraten. Die anderen hatten reichere Eltern. Die anderen hatten viel liebevollere Eltern als ich. Ich bin ein Arme-Leute-Kind. Die anderen Kinder hatten es besser und sind besser. Sie sind klüger. Sie sind schöner. Das haben mir meine Eltern immer gesagt. Meine Geschwister waren auch besser: Meine ältere Schwester hat 5 Talente bekommen, mein jüngerer Bruder 4 Talente. Meine Klassenkameraden, alle Menschen, die ich heute kenne, sind größer, sind besser.
Ich? Ich bin nicht schön. Ich bin nicht klug. Ich bin nicht gut. Ich bin nicht gut genug. So habe ich mich mein Leben lang an die Mauer gedrückt. Ich hab abgewartet. ch habe mich nicht in den Vordergrund gedrängelt, wie alle anderen. In der Schule war ich fleißig, um nicht aufzufallen, aber sehr zurückhaltend. Und allmählich bin ich in ein Fahrwasser gekommen, nur noch das zu tun, was die anderen von mir wollten. Dann hatte ich keine Schwierigkeiten. Dann hat mich niemand kritisiert. Ich habe ein Leben begonnen wie Dienst nach Vorschrift: immer das tun, was die anderen von mir wollen. Und es ist immer schlimmer geworden. Ich trau mich immer weniger. Manchmal trau ich mich nicht mal vor die Tür. Ich will auch gar nicht. Wenn die anderen sich treffen und zusammen essen und feiern: Da will ich gar nicht dabei sein. Ich passe nicht dazu. Wenn die anderen Schwimmern gehen, wenn die Sonne heiß scheint... Nein! Ich habe andere Dinge zu tun. Immer warten viele Dinge auf mich, die ich zu erledigen habe - für andere. Ich habe gedacht: Gott ist hart. Er verlangt zu viel von mir. Was hat er mir schon fürs Leben mitgegeben? Er erntet, wo er nicht gesät hat. Er sammelt, wo er nicht ausgestreut hat. Ich habe Angst. Ich verstecke mein Talent in der Erde. Dann geb ich es ihm wieder zurück. Eigentlich merke ich: Ich habe Angst. Ich habe Angst, mein Leben zu leben. Nachts plagen mich Albträume. Und ich merke, dass ich mich nur um mich selber drehe. Nachts fühle ich mich wie lebendig begraben."
Da sagt Jesus: "Stop! Halt ein! Bedenke, was alles aus deiner mutlosen Haltung folgt, wenn du deine Talente so vergräbst. Meinst du, dass du ein Anrecht darauf hast, dich dem Leben so zu verweigern? Du hast dich in einen Teufelskreis hineinmanövriert. Wenn du dich selber anschaust: Du bist nur am Klagen! Am Schluss hast du dein eigenes Leben zu Grabe getragen. In allem, was du so korrekt machst, bist du ständig auf dich selbst bezogen. Das merkst du gar nicht. Du bist völlig fixiert auf dich selbst. Im Grunde bist du sehr stolz. Du meinst, durch deine Benachteiligung hättest du das Recht, dich deinem Schöpfer und deinem eigenen Leben zu verweigern. Entscheide dich heute zu leben. Fürchte dich nicht. Ich bin doch bei dir. Schau zu mir. Gott, dein Vater hat dich so geschaffen. Schau zu mir und lebe. Riskiere etwas. Im Blick auf mich - in Beziehung zu mir - in meiner Gegenwart kann dir nichts Böses passieren. Wage es, meinen Weg zu gehen. Ich verlange von dir nichts Unmögliches. Nur das eine: Das du dich nicht mit den anderen vergleichst. Dass du nicht in deinem Unglück rumstocherst, sondern dass du auf mich, auf Gott schaust. Lebe das Leben, lebe dein Leben, das ich für dich bereit halte. Das ist der einzige Weg. Ich möchte, dass du dich entscheidest, jeden Tag, jede Sekunde dich auf mich zu beziehen. Dein Leben in meiner Gegenwart zu leben. Denn alles, was du bist und was du hast, das verdankst du deinem Schöpfer. Ich bin der Grund deines Seins."
Im Prinzip sagt uns Jesus hier die Lösung für das Urproblem der Menschheit: Das bei Kain und Abel, am Anfang der Bibel dargestellt wird. Unser Urproblem ist: Wir leben in einer lieblosen Welt. Wir Menschen gehen auf einander los in Eifersucht, in Neid, im Zorn: Der Rauch des Abel steigt anders zum Himmel. Ich habe nur 1 Talent... Dazu sagt uns Jesus, dass wir aufhören sollen, uns auf andere Menschen zu beziehen und uns ständig mit ihnen zu vergleichen. Jesu Gleichnis ist ein radikaler Appell das nicht aufzuschieben, sondern aus der Hölle der Selbstbezuges zu treten in das Paradies der Liebe Gottes, der uns auf seinen Weg leitet, der zum Leben führt und uns so führt, wie es genau richtig für uns ist. Da führt er jeden Menschen anders. Jesu Gleichnis ist ein radikaler Appell, dass wir ab heute in Bezug auf Jesus etwas riskieren, unser Leben für Gott riskieren, seinen Weg gehen. Am Schluss spricht Jesus noch eine existentielle Wahrheit an: Wer hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben. Der aber nicht hat, dem wird auch was er hat, genommen werden. In existentiellen und in geistlichen Dingen gibt es nie einen Stillstand, nie eine Sicherheit, die wir erreicht haben. Das wir dann in der Tasche hätten. In existentiellen Dingen sind wir immer in Bewegung, im Prozess: Entweder wir sind auf einem guten Weg, mit Gott, der sich vergrößert und verbreitet und von dem Ströme des lebendigen Wassers ausgehen, oder aber, wir sind auf einem Weg des Selbstbezuges, der Selbstverfangenheit, der Verstrickung in unsere Charakterfehler und unsere innere Kraft nimmt ab und unsere Fehler wuchern. Der Aufruf Jesu in diesem Gleichnis ist: Weg von unserem eigenen Bezugspunkt. Weg vom Starren auf andere und Vergleichen mit anderen, hin zu Gott, zu einem Neuanfang, zu dem, was Gott uns gegeben und aufgetragen hat, zu dem, was Jesus uns in unserem Leben mit auf den Weg gegeben hat. Das zu leben und einzusetzen. Martin Buber erzählt eine Geschichte über Rabbi Sussja:
Rabbi Sussja soll gesagt haben: "Am Ende der Tage wird Gott mich nicht fragen: Warum bist nicht Abraham oder Mose gewesen Er wird mich fragen: Warum bist du nicht Rabbi Sussja gewesen? Warum bist du nicht Dorothea gewesen?"
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
Dorothea Marien Pfarrerin
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