| Gottesdienst am 31.12.2011 (Silvester) |
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Christuskirche Landshut, Dekan Siegfried Stelzner Predigt zu Exodus 13, 20-22 --- Es gilt das gesprochene Wort. --- Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen
Liebe Gemeinde, heute Abend, nach dem guten Essen und dem Espresso danach, versammelt sich vielleicht die ganze eingeladene Silvestergesellschaft um einen mit Wasser gefülltem Bottich, in den jeder einen Löffel voll geschmolzenem Blei schüttet, um dann die entstandenen skurrilen Figuren zu deuten. Keiner glaubt daran, doch das Bleigießen macht Spaß und regt die Phantasie an - und irgendwo ist da die kleine Hoffnung, einen winzigen Blick in die Zukunft tun zu dürfen. Auch das Lesen eines Horoskops ist an diesem Tag vor dem Neuen Jahr ein gerne geübter Zeitvertreib. Es ist ja nicht verwunderlich, wo Neues, unbekanntes vor einem liegt, da würde man schon gerne ein wenig wissen, was denn auf einen zukommen könnte. Der Predigttext für den Altjahresabend führt uns in diesem Jahr zu den Israeliten, die an der Schwelle einer neuen Epoche, die am Beginn eines entscheidenden Weges in ihre Zukunft stehen. Sie haben die Sklaverei in Ägypten, die sie viele Generationen haben ertragen müssen, hinter sich gelassen. Nun stehen sie am Rande der Wüste. In dieses unwegsame Gebiet führt nun ihr Weg. Wie wird das werden? Welche Gefahren werden zu bestehen sein? Werden sie den Weg finden, genug zu essen und trinken haben? Im 2. Buch Mose 13,20-22 „Die Wolken- und Feuersäule“ wird davon erzählt: "Also zogen sie aus von Sukkoth und lagerten sich in Etham, vorn an der Wüste. Und der HERR zog vor ihnen her, des Tages in einer Wolkensäule, daß er sie den rechten Weg führte, und des Nachts in einer Feuersäule, daß er ihnen leuchtete, zu reisen Tag und Nacht. Die Wolkensäule wich nimmer von dem Volk des Tages noch die Feuersäule des Nachts." Das Volk Israel macht sich auf. Sie stehen am Anfang eines weiten Weges, der im Folgenden auf vielen Seiten der Bibel geschildert wird. Vierzig Jahre wird dieser Weg dauern, bis sie endlich in ihrem gelobten Land ankommen. Dabei ist es interessant, dass wir heute zwar wissen, wo der Ort "Sukkoth", der Ausgangsort ihres Weges liegt. Die Lage des zweiten in unserem Abschnitt genannten Ortes, ihr Ziel Etham, ist noch heute für die Wissenschaft unbekannt. Eigentlich ist das so wie bei uns. Wir wissen, woher wir kommen, wir kennen den Ort, wo wir uns gerade befinden, an Silvester 2011, doch wir wissen nicht, wohin wir geführt werden. Unser Ziel ist uns unbekannt. Werden wir in 365 Tagen noch hier in Landshut wohnen? Werden wir noch gesund sein? Werden wir überhaupt noch leben? Wir wissen es nicht. Aber wir wissen auch nicht, ob wir nicht bis dahin unser Glück gemacht haben. Einen lieben Menschen kennen gelernt, mit dem wir dann zusammenleben, einen beruflichen Erfolg errungen haben, einen Lotteriegewinn gemacht haben. Wir wissen nicht, wie es aussehen wird. Ach, wir wüssten zu gerne was uns in der Zukunft erwartet und würden schon ganz gerne ein wenig durch das Schlüsselloch des geschlossenen Tores vor uns schauen, auch wenn wir wissen, dass Horoskop und Bleigießen keine große Hilfe sind. Wir beneiden ein wenig die Israeliten. Zwar wissen auch sie nicht, wohin der Weg sie führen wird, doch sie haben eine klare Orientierung. Sie haben einen deutlichen Wegweiser. Gott selbst zieht in einer Feuersäule des Nachts und in einer Wolkensäule des Tags vor ihnen her. Sie brauchen ihm nur zu folgen. Alle die Qualen und Entscheidungen sind ihnen abgenommen, ob man noch einen Tag rasten oder aufbrechen soll, ob man nach rechts oder links gehen soll, ob man sich langsam oder schnell fortbewegen soll. Solche Entscheidungshilfe wäre auch etwas für uns: Soll ich ein neues berufliches Angebot annehmen, ein Haus kaufen? Wie soll ich mein Geld anlegen? Wir hätten gerne deutlichere Zeichen, die uns helfen in der Unsicherheit des Lebens. Nun hat ein alttestamentlicher Ausleger darauf hingewiesen, dass es so einfach für die Israeliten bei ihrem Wüstenzug doch nicht gewesen sein kann. Haben sie tatsächlich die Wolken- und Feuersäule immer vor sich gesehen? Wir lesen davon, dass das Volk oft unwillig war, gemurrt hat, unzufrieden mit Mose und seiner Führung gewesen ist. Offensichtlich brauchte man auch damals ein gewisses Gespür, ein Sensorium, ein eigens Auge, um die Zeichen Gottes auch recht zu sehen. Nachdem Blei und Horoskopseiten der Illustrieren wohl wenig taugen, welches könnte denn unser Zeichen sein, mit dem uns Gott gut ins und gut durch das neue Jahr geleiten könnte. Wie entwickeln wir unser eigenes Auge, mit dem wir erkennen, was gut für uns ist und wohin Gott uns haben will. Ganz unterschiedlich kann für uns so ein Zeichen sein. Eine Begegnung, ein Buch, ein Blick, ein Satz, eine Krankheit, ein Streit. Der Altertumsforscher Heinrich Schliemann hatte als Kind die griechische Sage von der Erstürmung Trojas und den Irrwegen Odysseus gelesen. Das Buch hat ihn nicht mehr losgelassen und ihn schließlich zur Entdeckung der historischen Stätten dieser Sage geführt und ihn zum bedeutendsten Ausgräber des 19. Jh gemacht. Mancher spricht von einer Begegnung mit einem Menschen, einem Lehrer, einem Pfarrer, einem Freund, die ihn einen entscheidenden Schritt hat tun lassen und dem Leben eine bestimmt Richtung gegeben hat. Oder einen hat eine Krankheit ins Bett gezwungen und ihm Zeit gegeben, sein Leben zu überdenken und neu auszurichten. All dies könnte man als Zeichen Gottes interpretieren, mit denen er auf unser Leben einwirkt und für seine Wege wirbt, moderne Wolken- und Feuersäulen. Freilich braucht es dazu einer gewissen Haltung, um diese besonderen Augenblicke und Begebenheiten auch als für einen bedeutsam zu erkennen und die entsprechenden Folgen daraus zu ziehen. Es braucht eine offene, aufmerksame Erwartungshaltung, eine gespannte Wahrnehmung, eine Einstellung, die mit Veränderungen rechnet, sich nicht davor fürchtet, einen neuen Weg zu gehen. Ob wir dies alles aufbringen im neuen Jahr? Vor allem braucht es aber Mut, einer neuen Erkenntnis zu folgen. Denn es garantiert einem keiner, ob der Weg, den man einschlägt, denn wirklich der richtige ist, ob er einen weiterbringt oder einen in der Irre führt. Sören Kierkegaard hat den bekannten Satz gesagt, dass man das Leben immer erst von hinter her verstehen kann, es aber doch vorwärts leben muss. Aber wir haben das gleiche Versprechen, wie die Israeliten, dass Gott uns auf unserem Weg begleiten wird. Er ist bei uns, ob als Wolken- oder Feuersäule, ob als Rat gebender Freund, als rettender Gedanke, als aufrüttelnde Botschaft. Und Gott ist bei uns unerkannt, auch dann, wenn das eigene Auge, das wir brauchen, um die Zeichen Gottes zu sehen, nicht funktioniert und wir blind durchs Leben stolpern. "Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig", die Jahreslosung für das kommende Jahr kann da Mut machen, dass nicht die Starken, die Perfekten, diejenigen, die den Weg wissen und ihr Leben zielstrebig und erfolgreich bestreiten, an ihr Ziel gelangen, sondern dass Gott uns alle führt, vor allem die, die mit Schwierigkeiten zu tun haben. Mir gefällt es auch gut, dass es in unserem Predigttext heißt, dass Gott das Volk geleitet hat "bei Tag und bei Nacht.“ Zwar weiß ich nicht, wie sie Tag und Nacht gehen konnten. Auch Nomaden ruhen in der Nacht. Und doch ist dieser Satz für mich ein schönes Bild, dass wir beim Arbeiten und bei der Ruhe in Gottes Hand sind. Und deshalb muss uns unser Weg nicht schrecken. Vielleicht geht nicht alles glatt im kommenden Jahr, vielleicht finden wir nicht immer den besten, den kürzesten Weg. Vielleicht müssen wir durch ein tiefes Tal, wo es uns beutelt und ängstigt. Vielleicht laden wir auch Schuld auf uns und wollen verzweifeln an dem, was wir getan haben. Vielleicht, vielleicht... Wir können nicht wissen, was uns erwartet. Doch wie auch immer unser Weg aussieht, Gott begleitet uns bei Tag und bei Nacht. Es ist so, wie wir es im Psalm vorhin gesungen haben: "Der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts." So wollen wir gehen, die ersten Schritte in die Wüste hinein, ins Ungewisse, in die Zukunft, in ein neues Jahr. Gott geht mit uns. Das ist gewiss. Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
Siegfried Stelzner
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