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Gottesdienst am 24.12.2007 (Heiliger Abend) PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail

 

Christuskirche Landshut, Dekan Siegfried Stelzner

Predigt zu 1. Timotheusbrief 3, 16


--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

„Groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens.“
(1. Tim 3, 16)

Liebe Gemeinde,
In dieser Nacht heute, am Heiligen Abend, kommt alles zum Stillstand.
Heute hat kein Geschäft mehr offen, und keine Praxis.
Heute gibt es keine Versammlungen und Feiern mehr, keine Kongresse und Sitzungen.
Und auch der Verkehr hat abgenommen.
Heute ist eine besondere Nacht.

Der Heilige Abend unterbricht unsere Aktivitäten. Und wir sind froh darüber. Einmal muss ein Ende sein. Wir haben genug zu tun gehabt in den letzten Tagen, damit es ein recht schönes Fest wird und dass alles rechtzeitig fertig wird.

An Weihnachten wird man beschenkt, beglück, froh gemacht.

Nun sind wir im Gottesdienst und dieser Stillstand wird uns hier besonders deutlich. Hier im Gottesdienst kann man, muss man nichts mehr tun. Wir singen die Lieder mit, doch in der Hauptsache dürfen wir nun hören, fühlen, uns erfüllen lassen von der Atmosphäre des Raums, von den Worten der Weihnachtsgeschichte, von der Musik.

Wir sind da. Das Warten der Adventszeit kommt zum Ende. Nun kommt Gott zu uns. Nun gibt er sich als Geschenk ohne unser weiteres Zutun.

Unser Sitzen im Gottesdienst, uns erfüllen zu lassen, unser einfaches darauf Achten, was geschieht – all das entspricht in grundlegender Weise auch der Weihnachtsgeschichte.

Im Stall von Bethlehem müssen die Menschen nicht handeln.

Alles kommt auf sie zu:

Maria und Josef werden durch ein Kind beschenkt.
Zu den Hirten kommen die Engel und überbringen ihnen eine Hoffnungsverheißung.

Und als sie das Kind sehen, werden sie still und dankbar.

In der Weihnachtsgeschichte nimmt man wahr, was an einem alles geschieht, was von Gott her geschieht. Man wird beschenkt, beglück, froh gemacht. Die Weihnachtgeschichte ist ein Liebesbeweis Gottes für die Menschen. Gott vollbringt eine große Tat - und wir Menschen dürfen sie staunend und dankbar annehmen.

Im Weihnachtslied heißt es: „O beugt wie die Hirten anbetend die Knie. Erhebt eure Hände und betet wie sie.“ An Weihnachten ist gar nichts zu tun: Nur beim Kind sein, still und andächtig und dem nachsinnen, was durch das göttliche Kind in der Welt und im eigen Leben geworden ist. Weihnachten zwingt zur Passivität, es bringt alles Tun zum Stillstand.

Gott begibt sich in die Hand der Menschen

Das besondere ist, dass Weihnachten sogar Gott selbst zur Passivität und zum Stillstand bringt. Freiwillig begibt sich Gott da hinein.

Gott wird ein Mensch. Der Allmächtige im Himmel, wird ein ohnmächtiges Kind auf der Erde, ein Kind, das gehegt und gepflegt, gefüttert und versorgt werden muss. Gott hat auf einmal keine Gewalt mehr, sondern gibt sich in die Hände der Menschen: der beiden Eltern zuerst, Maria und Josef, doch dann auch zugleich in der Hände der Menschen, der Menschheit und ihren Wünsche und Interessen. Und das wird gleich nach der Geburt ganz deutlich: Schon als winzig kleines Kind ist das Leben des Gottessohnes bedroht durch den Tötungsbefehl Herodes, vor dem sich die Heilige Familie nur durch die Flucht schützen kann.

Gott wird ein Mensch und gibt damit seine Macht auf. Das ist das Einzigartige an Weihnachten. Das gibt es in keiner Religion, dass sich ein Gott so nahe zu den Menschen aufmacht. Er teilt ihr Leben, ihre Not und ihre Freuden. Er spürt Hunger und Durst, er leidet unter der Hitze des Tages und der Kälte der Nacht. Er spürt die Begeisterung und die Welle der Sympathie, aber auch Ablehnung und Hass. Er erleidet Schmerzen, Folter und Tod.

Das ist Gott. Er begibt sich in die Welt und nimmt alles in Kauf, was wir Menschen darin erleben und erleiden, was mir mitmachen müssen und was wir einander antun.

Warum tut Gott das?

Wir wissen es nicht. Wir empfinden es als ein großes Geheimnis, wie es im 1. Timotheusbrief heißt: „Groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens.“

An jedem Weihnachten spüren wir diesem Geheimnis nach. Weihnachten fasziniert alle Menschen. Es ist ja schon erstaunlich, wie sich alle Bereiche des Lebens mit Weihnachten beschäftigen, seine Botschaft zu verstehen und auszudrücken versuchen: Ob das die Kunst ist mit wunderbaren Bildern von der Madonna mit dem Kind oder die Musik mit dem großartigen Weihnachtsoratorium, aus dem wir vorhin Choräle gehört haben. In der Volkskunst werden Krippen geschnitzt und unzählige Weihnachtsgeschichten wurden geschrieben und werden vorgelesen. Alle Bereiche des Lebens beschäftigen sich mit dem Fest. Die Mensche versuchen, das Geheimnis dieser Nacht zu begreifen. Aber vielleicht kann man es ja gar nicht. Sondern man muss es einfach so hinnehmen. Sich in Gottes Hand begeben, wie sich Gott durch Jesus in unsere Hand begeben hat.


Weihnachten verändert die Welt und uns

Weihnachten heißt, sich ohne eigenes Wollen ergreifen lassen, sich mitnehmen lassen in die Freude, in das Wunder hinein, auch in Gottes neue Welt hinein, wo es weihnachtlich zugeht, friedlich und stille, wo Hass und Neid schweigen, wo die Macht ein Ende hat und die Sanftmut eines Kindes regiert.

Dass so etwas möglich ist, daran glauben wir meist nur zu Weihnachten. Aber das ist doch ein Anfang.

Aber wir spüren es ja doch an Weihnachten! Wir merken, dass sich etwas verändert, wenigstens an diesen Tagen. Und wir verändern uns selbst: Wir werden sensibler für die Einsamkeit und die Schicksale anderer Menschen. Wir werden aufmerksamer für die Nöte unserer Mitmenschen. Wir denken mehr aneinander, geben einander Worte und Gesten der Sympathie und der Liebe. In diesen Tagen ist auch die Welt eine anderen. Aus der Politik hören wir Friedensbotschaften und in den Krisengebieten schweigen in der Regel an diesem Abend die Waffen.

Auch wenn morgen alles vorbei sein sollte, auch wenn die Welt sich weiter dreht mit Gewalt und Unterdrückung, mit Lieblosigkeit und Egoismus. Auch wenn das so ist, brauchen wir uns nicht schrecken lassen. Gott bleibt bei uns. Er ist nicht nur für eine Nacht gekommen. Ihn aufnehmen, ihn begreifen, sich verändern lassen, das kann an jedem Tag geschehen. Und wenn in der Politik oder in der Wirtschaft an vielen Stellen davon nichts zu merken ist, so kann es doch bei uns passieren: in unserer Familie, in unserer Nachbarschaft, in unsere Gemeinde, bei uns selbst, bei unseren täglichen Entscheidungen, bei unseren Taten und Worten. Weihnachten bringt uns zum Stillstand, zum Nachdenken, zum Staunen, zum Freuen. Lassen Sie uns das nicht vergessen, dass Gott Mensch wurde, um uns und die Welt zu verändern, lassen Sie uns das im Herzen tragen über den heutigen Abend hinaus.

Amen

Siegfried Stelzner
Dekan