Unsere Kirchen

In unserer Kirchengemeinde sind zwei Gotteshäuser: Die Christuskirche in Landshut und die Jakobuskirche in Ast. Treten Sie ein!
Start Gottesdienste Predigten Lektor Dr. Matthias Sachsenweger Gottesdienst am 08.01.2012 (1. Sonntag nach Epiphanias)
Gottesdienst am 08.01.2012 (1. Sonntag nach Epiphanias) PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Christuskirche Landshut, Dr. Matthias Sachsenweger
Predigt zu 1. Korinther, 1

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen

Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme. Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, damit, wie bei Jeremia geschrieben steht: „Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!“

(1. Korinther, 1)

 

Herr, segne unser Reden und Hören durch deinen Heiligen Geist. Amen.

Liebe Gemeinde!

 

"Frech achtet die Liebe das Kleine." Mit diesem Satz des bekannten Theologen Henning Luther ließe sich der Sachverhalt des Predigttextes zusammenfassen. Aber was sollen jetzt die sagen, die klug und angesehen sind und es zu etwas gebracht haben ? Sind sie auf Grund dieses Tatbestandes etwa nicht berufen, werden Sie etwa von Gott verworfen ?

Im Text heißt es doch: "Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache." Dieser harte Satz steht mitten zwischen den Gruppen von Menschen in Korinth: den Weisen, den Mächtigen und - in genauer Übersetzung - denen von hoher Geburt und den anderen: den Törichten, Schwachen, Verachteten und von unansehnlicher Geburt. Dennoch soll der Satz wohl nicht heißen: Gott benutzt die eine Gruppe von Menschen, um die anderen zu demütigen. Denn weder benutzt Gott Menschen, noch demütigt er sie. Was er zuschanden macht, sind nicht Menschen, sondern falsche Vorstellungen von der Wirklichkeit, falsche Sichtweisen, falsche Federn.

Weder Paulus noch Jesus haben etwas gegen Reiche. Es gibt ja das bekannte Gleichnis vom reichen Jüngling, der wissen will, was er tun soll, um das ewige Leben zu erlangen und Jesus sagt ihm, dass er alles, was er hat, den Armen geben soll. "Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb", heißt es da.

Nicht der Reichtum steht zwischen den Menschen und dem Leben in Gottes Nähe, sondern das, was meistens aus Reichtum folgt: Bindung oder wie Martin Luther sagt: das daran Hängen. Reichtum bindet, denn je mehr man hat, desto mehr muss man sich darum kümmern, es pflegen, reparieren und versichern lassen, und schließlich ersetzen, wenn es den Geist aufgibt oder sonst wie an Wert verliert.

Auch Weisheit, hohe Geburt und Macht binden. Bei Macht ist es am leichtesten zu merken: abgewählte Amtsträger und ausgediente Minister kleben manchmal an Sesseln wie Pech und Prittstifte. Und Ansichten, auch wenn ihnen die Wirklichkeit schon x-mal widersprochen hat, sind nur schwer aus Köpfen und Herzen ablösbar, wenn sie einmal Macht über jemanden gewonnen haben.

Über die Klebrigkeiten der hohen Geburt kann man sich in bunten Blättern informieren. Was sich hier zu bedenken lohnt, ist am ehesten die Klebrigkeit der Weisheit. Wem von uns noch nie vorgeworfen worden ist, er habe wohl die Weisheit mir Löffeln gefressen, der werfe die erste Schöpfkelle!

In der Bibel gibt es viele, besonders alttestamentliche Worte, die die Weisheit in hohen Tönen loben. Die Weisheit, die Paulus hier nennt und wenige Verse vorher als Torheit vor Gott (vgl. Vers 20) bezeichnet, ist aber eine lückenhafte Weisheit. Eine Weisheit, löchriger als Leerdamer Käse, die sich aber einbildet, hoch stabil zu sein, so stabil, dass man auf ihr eine ganze Weltsicht aufbauen kann. Das ist die Weisheit des Heldentums. Es ist die Weisheit, nach der jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, die Weisheit, nach der Gott dem Tüchtigen hilft und was es sonst noch gibt an Kluggesprochenem.

Niemand, der sein Glück selbst geschmiedet hat, braucht Gott oder sonst wem dankbar zu sein, sondern kann sich selbst dafür loben. Diese Sorte Weisheit nennt Paulus Weisheit der Welt und diese Sorte Weisheit bemüht er sich, mit Gott zuschanden zu machen. Die Weisheit der Welt misst nach Dollar und Euro, nach Effektivität und Leistung. Gesund und tüchtig sollen wir sein, erst vorige Woche hat sich alle Welt millionenfach gegenseitig "ein gesundes neues Jahr" gewünscht, als ob das das Wichtigste wäre. Und nun kommt Paulus daher mit einer Botschaft, die da lautet: Frech achtet die Liebe das Kleine.

Meistens passen ja die Texte, die im Gottesdienst vorzulesen sind, gut zusammen. Diesmal habe ich ein bisschen gerätselt, was die Geschichte von der Taufe Jesu mit der Berufung des Geringen zu tun hat. Vielleicht ist die Antwort die: Die Taufe Jesu ist die erste Geschichte im Evangelium, in der sich Gott öffentlich zu seinem Sohn bekennt. Er lässt seinen Sohn in einer mittelmäßig angesehener Familie aufwachsen, als uneheliches Kind von denkbar niedriger Geburt, hat Gott sein größtes Wohlgefallen. Ihn beruft er, um zu verkünden, was er von uns will. Ihn lässt er selig preisen, was vor den Augen der Welt schwach, nichtig und klein ist. Ihn lässt er Mahlgemeinschaft halten mit den Unterprivilegierten, den Loosern von damals: den Zöllnern, Prostituierten und Kranken hat sich Jesus besonders zugewendet. Lauter Menschen, denen es nicht in den Sinn gekommen wäre, sich selbst zu loben und zu rühmen. Wegen dieser seiner Niedrigkeit konnte die Juden ihn auch nicht als Meesias anerkennen. Sie hatten einen Anderen erwartet und erwarten ihn noch immer, einen König dieser Welt, einen von hoher Geburt.

Seit unserer Kindheit wissen wir ja, dass wir uns nicht nur nicht mit falschen Federn schmücken sollen, sondern dass auch das Loben der eigenen Verdienste stinkt und Bescheidenheit eine Zierde ist. Uns nicht selbst zu loben, ehrt uns also umso mehr. Nur: Solange wir noch ein Bewusstsein davon haben, dass wir aufs Selbstrühmen verzichten, solange ist es noch nicht ganz der Geist Gottes, der uns treibt. Der Geist Gottes ist der Geist, der uns erkennen lässt: nichts, von dem, was wir haben, haben wir aus eigener Kraft, aus eigenem Verdienst. Alles, vom ersten Atemzug bis zum höchsten Ton, den ein Mensch singen kann, ist alles Geschenk, kommt her von Gott, dem Herrn.

Auch die Erwählung Israels als Gottes Volk ist keiner Leistung geschuldet. Die Erwählung beruht auf ganz anderen Kriterien:  Im 5. Buch Mose heißt es: "Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat".

Ich denke, das will Paulus den Korinthern und uns ausrichten: Gott hat andere Maßstäbe als die Welt. Er schaut auf unsere Bedürftigkeit, auf unsere Bereitschaft, uns Gott und den Menschen hinzugeben. Wie Jesus spricht: "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken." (Matthäus 11, 28) Und: "Lasst die Kinder zu mir kommen, denn solchen gehört das Reich Gottes. Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen." (vgl. Markus 10, 14f.)

Wenn wir nicht Christen wären und an solche Worte schon ein bisschen gewohnt, dann würden wir es wohl reichlich frech finden, wenn jemand den Verhaltenskodex übertreten würde, Titel und Anrede ignorieren und stattdessen sagen würde: Du, wenn du traurig und mutlos bist, wenn du nicht mehr weiter weißt und an dir selbst zweifelst, wenn du keine Arbeit hast und schon zu alt bist, um dir noch Illusionen zu machen, dann bist du an meinem Tisch besonders willkommen. Aus deiner Tüchtigkeit mache ich mir nichts, mir geht es nur darum, dass du wieder froh wirst und dann auch den anderen wieder gut sein kannst. Meine Liebe ist so frei und unverschämt, dass ich dich wähle, gerade, wenn du klein und unscheinbar bist. Gerade dann habe ich Wohlgefallen an dir und habe dir etwas zu geben.

Denn frei und frech achtet Gottes Liebe gerade das Kleine, damit die Achtung auf der Welt neu verteilt wird. Und damit der Ruhm auf der Welt neu verteilt wird. Damit "wer sich rühmt, sich des Herrn rühmen" möge!

Ich glaube, das ist gemeint mit dem Satz: "damit er zuschanden mache, was stark ist und zunichte mache, was etwas ist". Das Starke wird nicht kaputt gemacht, sondern es wird im neuen Licht betrachtet – und dann stellt sich heraus: Stärke schlägt bei Gott gar nicht zu Buche, nicht positiv und nicht negativ.

Und bei uns? Was schlägt bei uns zu Buche? Obwohl wir Christen sind und Gottes unorthodoxe Maßstäbe schon einigermaßen gewohnt, fragen wir vielleicht immer noch zu wenig, ob unsere Maßstäbe eigentlich die richtigen, lebensdienlichen, Gott wohlgefälligen sind. Wen bewundern wir, wen rühmen wir? Wer gilt bei uns als groß und stark ?

Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung – das alles finden wir im Glauben an Jesus Christus. Für mich stehen alle vier Begriffe unter der Überschrift Freiheit. Und Freiheit ist die Folge davon, wenn wir uns nicht mehr darum bemühen müssen, an unserem eigenen, wie auch immer gearteten Ruhm oder Verdienst zu arbeiten.

Wenn wir Gott rühmten und ihm dankten, dass er uns als seine Kinder annimmt, mit allen Konsequenzen, was könnte uns dann noch Schlimmes passieren? Wir dürften Fehler machen, wir könnten so sein wie wir sind, selbst wenn andere uns dann albern und blöd finden. Wir brauchten uns nicht mehr zu schämen. Nie mehr zu versuchen, weiser-gesünder-tüchtiger zu scheinen, als wir sind. Denn die Scham und die Versagensangst stehen auf der anderen Seite der Ruhmes-Medaille. Wenn wir Gott rühmen und unseren eigenen Ruhm in die Mottenkiste packen, dann winkt uns die Freiheit der Christenmenschen. Und die lebt ja von dem, was wir uns hier immer wieder sagen und zeigen lassen, ob Weihnachten oder wenn wir Kinder taufen oder wenn wir zusammen Abendmahl feiern: Frech achtet Gottes Liebe das Kleine.
Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Matthias Sachsenweger
Lektor