| Gottesdienst am 04.12.2011 (2. Advent) |
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Predigt zu Jesaja 63, 15-19, 64, 1-3
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen
Hinführende Gedanken: Wie kannst du, Gott, das zulassen? Das ist die Frage, die immer wieder gestellt wird. In unserer Perikope aus dem 63. Und 64. Kapitel des Jesaja Buches leidet ein Mensch an Gott bis zur Grenze des Erträglichen und ist sich doch letztendlich Gottes Liebe gewiss. Der Text wird nach der 1. Zerstörung des Tempels 587 v. Chr. datiert, also in einer Zeit tief enttäuschter Hoffnungen.
Liebe Gemeinde, woran denken wir zuerst, wenn wir das Wort "Advent" hören? An die vier Adventssonntage vor dem Weihnachtsfest? Manchen fällt auch ein, dass Advent "Ankunft" bedeutet. Und so ist die Adventszeit in unserem Kirchenjahr ja auch gedacht: Sie soll eine Vorbereitungszeit auf die Ankunft Jesu zu Weihnachten sein. Die Bibel spricht vom Advent, vom Kommen Jesu, im doppelten Sinn: Als seinen "ersten Advent", d.h. als sein erstes Kommen mit seiner Geburt in Bethlehem vor gut 2000 Jahren. Dieses Ereignis feiern wir zu Weihnachten. Die Bibel spricht aber auch noch von einem "zweiten Advent", von einem zweiten Kommen Jesu. Darunter versteht sie die Wiederkunft Christi am Ende dieser Welt. Dann wird der gekreuzigte, auferstandene und zur Rechten Gottes erhöhte Christus aus der Verborgenheit heraus- und allen Menschen sichtbar gegenübertreten. So steht es auch im Glaubensbekenntnis: "Am dritten Tage auferstanden von den Toten; aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten." Mit diesem zweiten Advent, der Wiederkunft Christi, beginnt Gottes ewiges Reich. Dann werden wir, so der Apostel Paulus, nicht mehr im angefochtenen Glauben leben müssen, sondern dann werden wir endlich Klarheit haben und Gott und Christus schauen dürfen. Wir leben also zwischen diesen beiden Adventen, dem ersten und dem zweiten Kommen Jesu Christi. Liebe Gemeinde, auf das erste Kommen Jesu zu warten, das wir zu Weihnachten feiern, ist leicht und schön. Das können schon die Kleinsten. Auf den "zweiten Advent", also auf das zweite Kommen Christi am Ende der Zeit zu warten, fällt uns sehr viel schwerer. Vielleicht deswegen, weil wir im Innersten gar nicht damit rechnen, dass Christus wiederkommt. Vielleicht auch deswegen, weil uns der Gedanke an das Weltgericht Christi unheimlich ist, besonders dann, wenn unser Vertrauen auf Christus – der Richter ist ja zugleich unser Retter – unterentwickelt ist. Wir Christen wissen, daß diejenigen, die an Christus glauben, nicht ins Gericht kommen sondern das ewige Leben haben. Jesus hat für unsere Schuld mit seinem Opfertod bezahlt und uns erlöst. So steht es in allen Evangelien, insbesondere bei Johannes. Viele Gläubige leben sogar in sehnsüchtiger Erwartung auf das zweite Kommen Jesu, auf den offenbaren Anbruch des Reiches Gottes! Diese Erwartung wird uns u.U. umso mehr beherrschen, je intensiver wir das Elend, die Not und das Leiden in dieser Welt wahrnehmen: in unserem eigenen Leben und um uns herum. Die Medien berichten ja täglich über dieses Elend. Und wir seufzen immer wieder: Will denn der Krieg, der Terrorismus, will denn das Leiden von Menschen unter autoritären Regimen oder der Macht des Geldes mit ihrer Finanz – und Schuldenkrise, will denn der weltweite Hunger – erst jetzt wieder am Horn von Afrika - oder der Missbrauch von Kindern kein Ende nehmen? Das alles kann uns wie bei Jesaja immer wieder ins Gebet treiben: "Gott, erbarme dich doch über deine Menschheit, schreite doch ein, komm doch und schenke uns Frieden. Dein Reich komme!" Keine Frage, wir leben biblisch gesehen in der Endzeit mit all ihren vorhergesagten gesellschaftlichen und natürlichen Katastrophen. Liebe Gemeinde, in all dem Schrecklichen wird uns immer wieder deutlich, wie sehr wir von Gottes Friedensreich entfernt sind, wie sehr diese Welt nach Erlösung schreit. Viele fragen nicht, wie Menschen so lieblos, rücksichtslos oder böse sein können, sondern sie fragen – manche auch unter Anfechtung aus dem Glauben heraus: Wie kann Gott das zulassen? Warum hat Gott es so weit kommen lassen? Warum erhört Gott unsere Gebete nicht? Das Leben zwischen den beiden Adventen Christi, zwischen seinem ersten Kommen zu Weihnachten und seiner späteren Wiederkunft am Ende der Welt, dieses Leben ist also auch für Christen von mancherlei Anfechtungen, Mißerfolgen, Enttäuschungen und Entbehrungen überschattet. Das Volk Israel, Gottes Volk des Alten Bundes, hatte in seinem geistlichen Leben ebenfalls Glaubensanfechtungen durchstehen müssen. Es ist für uns selber hilfreich, wenn wir uns diese Tatsache immer einmal wieder vor Augen führen. Der heutige Predigttext spricht von solchen Glaubensanfechtungen Israels in einer Zeit, in der das Leben des Gottesvolkes ganz am Ende zu sein schien. Hier heißt es: „Wo ist nun Dein Eifer und Deine Macht ? Warum läßt Du uns, Herr, abirren ? Kehr zurück um Deiner Knechte willen ! Ach, daß Du den Himmel zerrissest und führest herab.“ Was war geschehen, dass Israel sich mit diesem inbrünstigen Gebet an seinen Gott wandte? Die Babylonier hatten Israel besiegt. Die heilige Stadt Jerusalem hatten sie dem Erdboden gleichgemacht und den Tempel, Gottes Haus, in Brand gesteckt. Israel war durch diese Ereignisse hart angefochten: Hatte Gott sein Volk verlassen? Hatte Israel auf einen Gott gesetzt, den es in Wirklichkeit gar nicht gibt? Waren andere Götter stärker als Israels Gott? Konnte Gott, der Vater und Erlöser Israels, sein eigenes Volk, das er aus der Sklaverei in Ägypten herausgeführt hatte, konnte Gott sein eigenes Volk so ruinieren und es wieder in die Knechtschaft schicken, dieses Mal ins Exil nach Babylon, in die sprichwörtliche babylonische Gefangenschaft? Wie konnte er es zulassen, dass Heiden seinen heiligen Tempel zerstörten? Unser Predigttext ist ein erschütterndes Dokument aus dieser Zeit der Anfechtung des Gottesvolkes. Israel leidet unter der Verborgenheit Gottes: Liebe Gemeinde, in dieser Situation der Anfechtung und der Erfahrung von Gottes Ferne tut Israel das einzig Mögliche und Richtige. Das Volk sagt nicht: Unser Glaube war ein Irrtum – Gott gibt es nicht. Sondern es wendet sich mit stürmischer Klage an seinen Gott und hält ihm vor, worunter es zu leiden hat. Denken Sie bei Jesajas Worten jetzt einmal nicht nur an Israel nach der Zerstörung des 1. Tempels, sondern an Ihre persönlichen Anfechtungen und Zweifel. Vielleicht können Sie Ihre Enttäuschungen in den Worten des Propheten wiederfinden: 'So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich, der du doch mein himmlischer Vater bist. Warum lässt du mich abirren von deinen Wegen und mein Herz verstocken, dass ich keinen Respekt mehr vor dir habe?“ Israel bleibt bei der Klage nicht stehen. Inbrünstig bittet es seinen Gott, doch einzugreifen, seinem Volk neuen Glauben zu schenken und dem Treiben seiner Bedränger ein Ende zu bereiten. Direkt nach der Klage findet sich Jesajas Gebet: "Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab“. Ist uns nicht manchmal auch so zumute, dass dieses unser Gebet und Wunsch ist, etwa wenn wir das viele Leid in der Welt, den Werteverfall in unserem Volk, die Finanzkrise und die Gleichgültigkeit Gott gegenüber wahrnehmen? Ein sichtbares Eingreifen Gottes – so denken wir – würde Wunder wirken. So erwarten es auch jene Menschen, die da sagen: "Wenn Gott etwas gegen Leid und Ungerechtigkeit in dieser Welt täte, dann würden wir glauben." Aber damals, als Israel so hart am Boden lag, und heute, wo wir an dieser Welt verzweifeln, damals wie heute lässt Gott sich auf solche Forderungen nicht ein. Er beschreitet einen ganz anderen Weg, um diese Welt zu erlösen und zu befrieden. Gott "reißt den Himmel auf" und sendet seinen Sohn. Jesus Christus kommt als Mensch zu uns. In wenigen Tagen – zu Weihnachten – werden wir über die Bedeutung dieses "ersten Advents" Jesu, über sein Kommen in diese Welt, nachdenken. Heute wollen wir nur dieses in uns aufnehmen: Gott weiß, was hier auf Erden los ist. Er kennt das Seufzen seiner Kinder; er kennt auch unsere Anfechtungen. Aber er schreitet gegen das, was uns bedrängt, nicht mit offenbaren Wundern ein. Sondern er begegnet der Not dieser Welt mit dem Wunder seiner Menschwerdung. In dem bekannten Adventslied "O Heiland, reiß die Himmel auf", ist das Jesajawort vom Zerreißen des Himmels und dem Kommen Jesu in diese Welt in Szene gesetzt worden. Das Lied besingt sowohl den "ersten" Advent als auch den "zweiten“. Wenn wir es nach der Predigt singen, dann wird uns die Bedeutung seiner einzelnen Strophen noch klarer werden. Liebe Gemeinde, wir leben zwischen den beiden Adventen Christi, seinem ersten und seinem zweiten Kommen. Wir leben in der Hoffnung, dass einst das Friedensreich Gottes offenbar wird, in dem uns Gott nicht mehr fern ist, sondern in dem wir ihn sehen werden von Angesicht zu Angesicht. Alles Leid, alles Elend, aller Hunger und alle Tränen werden nach Gottes Verheißungen dann ein Ende haben – und auch unsere Anfechtungen und Mißstände. Solange Gottes Reich aber noch keine offenbare Wirklichkeit ist, solange haben wir in Geduld auszuharren. Nicht mit den Händen im Schoß. Sondern wir können die Hände falten und für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung beten. Und wir können uns mit der Bibel beschäftigen. Dies wird uns auferbauen und uns ein tieferes Verständnis in die biblischen Zusammenhänge schenken. Es wird auf unser Denken und Verhalten abfärben; denn in der Schule Christi lernen wir Liebe, Rücksicht und Friedfertigkeit. Und dann können wir – gerade in dieser Zeit – ganz konkret dem Elend in dieser Welt begegnen, indem wir z.B. Aktionien wie "Brot für die Welt" mit unseren Gaben unterstützen. Lassen Sie mich zum Abschluss eine kleine Anektote erzählen. Sie sagt uns, wie Gott handelt, und was er mit dem Kommen seines Sohnes Jesus Christus bezweckt: "Ein junger Mann hatte einen Traum. In diesem Traum betrat er einen Laden. Hinter der Ladentheke war ein Engel. Hastig fragte er ihn: 'Was verkaufen Sie hier ?' Der Engel gab ihm freundlich Antwort: 'Alles, was Sie wollen.' Der junge Mann sagte: 'Dann hätte ich gerne das Ende aller Kriege, mehr Bereitschaft, miteinander zu reden, Beseitigung der Elendsviertel in Lateinamerika, Beendigung des Hungers in Afrika, ein Ende der Krisen, mehr Zeit der Eltern, um mit ihren Kindern zu spielen und ...' Da fiel ihm der Engel ins Wort und sagte: 'Entschuldigen Sie, junger Mann, Sie haben mich verkehrt verstanden. Wir verkaufen hier keine Früchte, wir verkaufen nur den Samen.'" Amen
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernuft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen
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